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Leo und Jassie blieben still nebeneinander auf der Bank sitzen. Das Wunderbare an Jassie war, dass sie nicht so viel redete wie ihre Mutter. Sie war einfach nur da.

Die jungen Frauen waren gleich alt und die besten Freundinnen der Welt, seit sie vor vier Jahren im Skilager der zehnten Klassen zum ersten Mal miteinander gesprochen hatten. Bis zu diesem Nachmittag in den Bergen war Leo eine Einzelgängerin gewesen, nicht weil sie unbeliebt oder hässlich oder in irgendeiner Weise unangenehm gewesen wäre, sondern weil sie niemand gefunden hatte, mit dem sie über all die Dinge reden konnte, die sie beschäftigten. Für Partys und Mode und einfach Abhängen hatte sie sich nicht interessiert, und sie hatte nie viel über sich erzählt. Eigentlich hatte sie überhaupt nur wenig gesprochen und deshalb in der Schule bald als eingebildet gegolten. Doch in Jassie Gröninger hatte sie an diesem besonderen Nachmittag genau die Freundin gefunden, nach der sie sich immer gesehnt hatte.

Sie waren beide nicht sehr sportlich und hatten keine Lust zum Skilaufen gehabt. Unabhängig voneinander hatten sie nach einer Ausrede gesucht, um einen ruhigen Tag allein in der Hütte verbringen zu können, ohne Lehrer und Mitschüler und lästigen Gruppenzwang. Und so blieb die eine mit undefinierbaren Bauchschmerzen und die andere mit Migräne an diesem Tag einfach im Bett. Doch nach ein paar Stunden Lesen und Herumliegen im gleichen Schlafraum, ohne wirklich krank zu sein, war es den beiden Mädchen langweilig geworden, und sie hatten begonnen, miteinander zu reden. Und dann den ganzen Nachmittag lang nicht mehr damit aufgehört.

Leo hatte Jassie schon immer wahrgenommen, sie war eine abenteuerliche Erscheinung. Mit ihren pechschwarzen Haaren, der ausgefallenen Kleidung und den vielen Piercings war sie ihr unter den anderen Schülern aufgefallen. Aber mehr als zwei Sätze hatten die beiden Mädchen bis dahin noch nicht gewechselt. Denn Leo konnte Jassies Look überhaupt nicht abhaben. Und Jassie dachte, dass Leo eine Zicke wäre. Typisch blond eben.

Doch seit dem Nachmittag im Skilager waren alle Vorurteile zwischen den beiden wie weggefegt, denn Jassie hatte ein Wort benutzt, das Leo zutiefst aufwühlte. ›Todesschön‹ hatte sie gesagt, als Leo mit einem zum Turban gewickelten Handtuch über ihren nassen Haaren aus der Dusche gekommen war. ›Todesschön‹, was für ein sonderbares Wort. Eigenartig und doch nicht beängstigend, sondern irgendwie vertraut, so als ob es schon immer zu Leo gehört hätte. Sie hatte in den Spiegel geschaut und versucht, ihr blasses, ungeschminktes Gesicht mit Jassies Augen zu sehen. Die hohen Wangenknochen, die mit Sommersprossen gesprenkelte Haut, die großen Augen mit den schweren Lidern, die rosafarbenen Lippen. Die Haare verborgen unter dem Tuch, zeitlos, wie auf einem mittelalterlichen Gemälde. Todesschön. Dieses seltsame Wort von Jassie hatte genau gepasst, nicht nur auf Leos Antlitz, sondern auch auf ihre Ängste und Gedanken. Sie hatte sich unverhofft verstanden und angenommen gefühlt, von einem wildfremden Mädchen mit schwarzen Klamotten und Metall im Gesicht. Von einem Mädchen, das seit Jahren nicht mehr ungeschminkt vor die Tür gegangen war. Im Gegensatz zu ihrem herausfordernden Auftritt aber stand die Tatsache, dass Jassie nicht oberflächlich und dumm war, sondern eine hochintelligente junge Frau. Sie war immer die Klassenbeste gewesen, obwohl sie mit Vorliebe jeden Lehrer provozierte....”

aus “TODESSCHÖN” von Angela Dopfer-Werner

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Gmeiner Verlag

1. Juli 2015

13.99 €

ISBN-13: 978-3839217672

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